Portugal

Veröffentlicht am 10. Februar 2013 | Reiseberichte |
Verena

Es begann mit Wim Wender´s „Lisbon Story“ und der Idee, einmal an Europas Ausgangspunkt für Welterkundungen in Lagos zu stehen und dann für einen Freund im Rollstuhl einen freundlichen Aufenthaltsort im Süden zu finden. Die Expo 1998 in Lisboa – zum 500. Jubiläum der portugiesischen Entdeckungen – wollten wir erleben und uns dann einen Ort am Meer suchen…

Der Zug schürfte auf einer eingleisigen Strecke um einen Berg, als ein Ruck uns aus den Sitzen hob und es scharf nach heißem Eisen auf Schotter roch – dann Stille, der Zug kam zum Stehen. Wir fragten die portugiesischen Reisenden, was das zu bedeuten habe, sie waren ebenso überrascht wie wir. Nach einer Weile kam die Durchsage, die Lok und der erste Wagen seien entgleist, wir sollten warten, es kämen Busse. Das war keine komfortable Lage: Auf eingleisiger Strecke in der Kurve feststecken – und warten? Mit dieser Erkenntnis waren alle schnell an ihrem Gepäck und ein breiter bunter Menschenwurm quoll aus den Wagen und kämpfte sich mit Rucksäcken und Koffern beladen in der Mittagsglut den Acker am Berghang hinauf. Unter einer Brücke im Schatten verschnauften wir: Da erst sahen wir das Ungeheuerliche, ein Bäuerlein hatte versucht mit seinem Traktor und Pflug die Gleise zu überqueren, war mit dem Pflug hängengeblieben und konnte allein sein Leben retten…

Als der Wurm den Horizont des Ackers erreicht hatte, hatte eine ansässige Heilige eine Straße und zwei Cafés daran wachsen lassen – es kam uns wie eine Fata Morgana vor. Es duftete, meine erste bica, das Agúa de Luso erzeugte Bilder von Badekuren im Jugendstilambiente.

In den Cafés standen die Telefone nicht still, bis alle Fahrzeuge der Gegend mobilisiert waren und alle Reisenden irgendwie darin verstaut. Wir passten zu dritt mit unserm Gepäck gerade in einen historischen Fiat 500, von dessen Fahrer ich auf der Rückbank den kräftigen Nacken und im Rückspiegel eine zerfurchte Stirn sehen konnte – dann starteten wir in atemberaubender Geschwindigkeit in Richtung des nächsten Bahnkreuzes, nach Pampilhosa. Senhor Antonio fuhr, raste, kurvte, sprang, quälte seinen Fiat, bis der kurz vor einem Reisebus in der nächsten Abfahrt an einem Wäldchen zum Stehen kam. Schreck, Schrei – auf allen Seiten – der Busfahrer schimpft, Antonio flucht und jagt mit uns in den Wald. Wir halten an der nächsten Ecke – Antonio muss den Schreck ablassen…dann geht es weiter mit 100 Sachen und affenartigen Wendungen, bis wir nach etwa 60 km und einer Stunde Angst an den Gleisen in Pampilhosa stehen, Antonio jagt uns gestikulierend aus seinem Auto – unser Zug nach Lisboa, der letzte für heute, fährt ein! Muito bém, obrigadinha, Senhor Antonio!

Seitdem liebe ich die Portugiesen und ihre Eisenbahnen. Später geschah es, dass im Süden an einem warmen Sommerabend extra für 10 Wartende ein Eisenbahnwagen eingesetzt wurde, weil man sich mit dem Aushang einer Fahrplanänderung verspätet hatte und wir sonst nicht mehr in unser Dorf gekommen wären…

In Lisboa freuten wir uns an der 17,2 Kilometer langen Vasco-da-Gama-Brücke über den Tejo und der Linha Vermelha, einer neuen Metro, die die Expo mit der Innenstadt verbindet und fuhren vom Fernbahnhof Gare do Oriente weiter in den Süden, den Westen – Al-Gharb – aus Sicht der Mauren, in „die Algarve“ – zu den schönsten Stränden, die ich kenne. Beim Schreiben habe ich den Duft der Pinien, des Eukalyptos und von Vinho Verde in der Nase, obrigadina, für diese Erfahrungen…