Kumys

Veröffentlicht am 31. Dezember 2012 | Reiseberichte |
Verena

Wir stehen an, in langer Schlange auf einem heißen Marktplatz von Duschanbe. Vor uns fast fünfzig Menschen, sie schwatzen auf tadshikisch und ich träume zu den Lauten, träume mich in die Berge, zu roten Tulpen die wir beim Wandern sahen. Ob die jungen Männer sie immer noch zu Pferde für ihre Liebsten holen von dort oben? Ob sie ihre Liebsten noch zum Scherz entführen in wildem gemeinsamem Ritt?

Ein Schlag trifft mich in den Rücken: Eine Holzkrücke – ein gebückter alter Mann will hinter mir die Schlange durchbrechen und kämpft sich – je eine Krücke zur Stütze – durch die Menschen einen Weg. Schon sehe ich ihn, immer mit den Krücken jemanden vor mir anstoßend, keine Zeit für Gerede oder Fragen, weiter und weiter nach vorn zum Tresen kommen. Er schwankt dabei und murmelt pausenlos. Vor dem Tresen angekommen, lehnt er vorsichtig seine Krücken – eine nach der anderen, zerbeulte abgekratzte Dinger – an die Kante der Platte, der Ausschenker lacht und wechselt ein paar Worte mit dem Alten, der sich nun reckt und zum Glas greift. Ein Halbliter Kumys fließt in ihn hinein, genüsslich streicht er sich den Bart: Schon steht das nächste Glas vor ihm, die vergorene Stutenmilch wird aus einer Lederblase gezapft, langsam komme auch ich dem süßsauerscharfen Geruch näher. Kumys ist Nahrungs- und Heilmittel zugleich und schon seit über 5000 Jahren bekannt. Ist der Alte ein Nachfahre der Nomaden, die Kumys als Ersatz für Gemüse und Brot in Mengen bis zu 15 Liter pro Tag genossen? Der Alte ist beim achten Glas, die Leute um ihn beobachten ihn neugierig und lachen. Eine junge Frau hinter mir erzählt ihrem chinesischen Reisegefährten von den Stutenmilchbädern der Kleopatra, er erwidert auf Englisch, die Kaiser der Ming-Dynastie und die Skythen und später Dschingis-Khan, der Mongolenherrscher hätten für die Ausbreitung des Getränks über Asien bis nach Russland gesorgt. Ich hörte von einem Stutenmilchsanatorium in Samara, das das erste Sanatorium dieser Art war – und so rücken wir fachsimpelnd dem Tresen näher, wo der Alte mit dem zwölften Glas bedient und mit entsprechendem Geschrei bedacht wird. Sein Bäuchlein wölbt sich unter dem gewickelten Gürtel bunten Tuchs. Und da – ein Krachen, Knochenknacken, Aufrichten, Rückenstrecken, der Trinker breitet seine Arme weit – alle können die starken Muskeln und Goldringe sehen – er reckt sich auf seine volle Manneshöhe, kein Buckel mehr, die Krücken bleiben liegen und mit einem Pfiff für die junge Kleopatra hinter mir geht er davon und die Berge hallen sein lautes Lachen wider.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kumys